Freitag, 7. Dezember 2007

Deine Hand



deine hand hinterliess eine spur in meiner hand,
ein zeichen in meinem herzen, ein brandmal in meiner seele.
deine hand gab meinem leben einen sinn.
am tag, da meine hand deine hand ergriff,
fühlte sie den puls des lebens
und empfing freundschaft und harmonie,
das, was gott ihr gegeben,
und was sie gott gegeben,
das wissen vom menschen.
am tag, als du mir deine hand reichtest,
gab ich dir die meine und damit zugleich mein herz.
aus deiner hand empfing ich das heilmittel,
das ich überall vergebens gesucht hatte.
am tag, da du mir deine hand gabst,
habe ich erfahren, dass es nichts größeres gibt
im leben des menschen als die liebe.
ich habe deine hand an mein herz gelegt,
damit sie das echo meiner seele vernimmt.
deine hand hat die tiefen
und geheimnisse meiner seele erfasst.
deine hand fühlt, dass sie in meiner seele ein echo findet
und dass das einverständnis unserer herzen
seinen ursprung im ewigen hat.



von: simon yussuf assaf

Mittwoch, 7. November 2007

Ikarus

War voll von Liebe und war voll Vertraun
und Wärme war um ihn und war viel Zeit.
So konnte er sich große Flügel baun
und alles in ihm war ihm unendlich weit.

So war es schließlich möglich, dass er flog,
die Erde ließ er unter sich zurück.
Bis man die Wärme von ihm nahm und ihn belog
da blieb vom Ganzen in ihm nur ein Stück.

So fiel er nieder, stürzte und zerbrach.
Wer sagt, er wäre nie geflogen, lügt.
Man trug ihm die zerbrochnen Flügel nach
und jeder weiß, dass er nie wieder fliegt.

Bettina Wegner

Freitag, 2. November 2007

Die Spur

Wie wenig nütze ich bin,
ich hebe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich in der Luft.
Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht Regen die Straße blank
wie eine Hausfrau.
Ich war hier.
Ich gehe vorüber ohne Spur.
Die Ulmen am Weg winken mir zu wie ich komme,
grün blau goldener Gruß,
und vergessen mich,
eh ich vorbei bin.
Ich gehe vorüber-
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen Papier.
Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.

Hilde Domin

NÄHE

Wusstest du schon,
dass die Nähe eines Menschen
gesund machen,
krank machen,
tot und lebendig machen kann?

Wusstest du schon,
dass die Nähe eines Menschen
gut machen,
böse machen,
traurig und froh machen kann?

Wusstest du schon,
dass das Wegbleiben eines Menschen
sterben lassen kann,
dass das Kommen eines Menschen
wieder leben lässt?

Wusstest du schon,
dass die Stimme eines Menschen
einen anderen Menschen
wieder aufhorchen lässt,
der für alles taub war?

Wusstest du schon,
dass das Wort oder das Tun
eines Menschen
wieder sehend machen kann,
einen, der für alles blind war,
der nichts mehr sah,
der keinen Sinn mehr sah
in dieser Welt
und in seinem Leben?

Wusstest du schon,
dass das Zeithaben für einen Menschen
mehr ist als Geld,
mehr als Medikamente,
unter Umständen mehr,
als eine geniale Operation?

Wusstest du schon,
dass das Anhören eines Menschen
Wunder wirkt?
Dass das Wohlwollen Zinsen trägt,
dass ein Vorschuss an Vertrauen
hundertfach
auf uns zurückkommt?

Wusstest du schon,
dass DU dieser Mensch sein kannst?

Wilhelm Willms
aus: “Der geerdete Himmel”

Aus Anam Cara

Beannacht

Am Tag, an dem
die Last auf deinen Schultern
unerträglich wird
und du strauchelst,
möge die Erde tanzen,
dir das Gleichgewicht wiederzugeben.

Und wenn deine Augen
hinterm grauen Fenster
zu Eis erstarren
und das Gespenst des Verlusts
sich in dich einschleicht,
möge ein Schwarm von Farben,
Tiefblau, Rot, Grün
und Azur herbeikommen,
dich auf einer Au der Freude
aufzuwecken.

Wenn die Leinwand der curach
des Denkens spröde wird
und ein Fleck Ozean
schwarz unter dir wächst,
möge ein Pfad gelben Mondlichts
sich über die Wellen legen,
dich sicher ans Ufer zu führen.

Möge die Nahrung der Erde dein sein,
möge die Klarheit des Lichts dein sein,
möge die Flüssigkeit des Ozeans dein sein,
möge der Schutz der Ahnen dein sein.

Und möge ein sanfter
Wind diese Worte
der Liebe um dich schmiegen,
wie einen unsichtbaren Mantel,
der dein Leben behüten soll.

Aus "Anam Cara" von John O'Donohue

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Die Farben des Herbstes


"Dieses Rot, das die Zweige der Vogelbeerbäume in Flammen setzt, die beinahe kupfern schimmernden Sträucher, die verschiedenen Grüntöne, die sich von Strohfarben erobern lassen, und die ganze verstreute ockerfarbene Wollust, der zu Tausenden schon zu Boden gefallenen Blätter. Eine Schönheit, die so wechselhaft wie kurzlebig ist...."

aus Selbstsüchtige Liebe von Carme Riera


Mittwoch, 12. September 2007

Versöhnung


"Es wird ein grosser Stern in meinen Schoss fallen...
Wir wollen wachen die Nacht.

In den Sprachen beten
Die wie Harfen eingeschnitten sind.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht -
So viel Gott strömt über.

Kinder sind unsere Herzen,
Die möchten ruhen müdesüss.

Und unsere Lippen wollen sich küssen,
Was zagst du?

Grenzt nicht mein Herz an deins -
Immer färbt dein Blut meine Wangen rot.

Wir wollen uns versöhnen die Nacht,
Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht.

Es wird ein grosser Stern in meinen Schoss fallen."

Else Lasker-Schüler