Montag, 22. September 2008

Mehr denn je

Mehr denn je

Was heißt das nur, ich werde alt

Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden

Ich kann den Morgenhimmel in mir finden

Und Frühlingsstürme - mehr denn je

Was heißt das nur, ich werde alt

Was heißt das nur, wie soll man es verstehen

Ich kann wohl meine Hände altern sehen

Doch schön ist das Berühren - mehr denn je

Mein Körper ist mir Freund

Und meine Haut genießt den Wind wie eh und je

Und all das, was ein reifer Mensch nicht mehr zu fühlen hat

Das fühl ich mehr denn je

Was heißt das nur, ich werde alt

Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden

Ich kann so viel Verwirrung in mir finden

Und ungeduldig bin ich - mehr denn je

Was heißt das nur, ich werden alt

Was heißt das nur, wie soll man es verstehen

Des Lebens Spuren kann ich auf mir sehen

Doch geh ich neue Wege- mehr denn je

Mein Haar, das ist schon grau

Doch weht der Wind mir in's Gesicht wie eh und je

Und all das was ein reifer Mensch nicht mehr

Zu denken hat

Dran denk ich mehr denn je -

Was heißt das nur, ich werde alt

Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden

Ich kann den Morgenhimmel in mir finden

Und Frühlingsstürme - mehr denn je

Erika Pluhar

Sonett Nr. 19



Nur eines möcht ich nicht: dass Du mich fliehst.
Ich will Dich hören, selbst wenn Du nur klagst.
Denn wenn Du taub wärst, bräucht ich, was Du sagst,
und wenn Du stumm wärst, bräucht ich was Du siehst.



Und wenn Du blind wärst, möcht ich Dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht,
bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!



So gilt kein "Laß mich, denn ich bin verwundet!"
So gilt kein "Irgendwo" und nur ein "Hier".
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.



Du weißt es: Wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche Dich, wie's immer sei.
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.

Bertold Brecht

Samstag, 20. September 2008

Empfindest du....

wie die Vergangenheiten
leicht werden, wenn du eine Weile lebst,
wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten,
jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten, -
und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten
für eine Geste, die du schön erlebst. –

Das ist der Sinn von allem, was einst war,
dass es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere,
dass es zu unserm Wesen wiederkehre,
in uns verwoben, tief und wunderbar:

Und so geschah Unwichtiges und Schweres,
nur, um für dieses tägliche Erleben
dir tausend grosse Gleichnisse zu geben,
an denen du gewaltig wachsen kannst.
Vergangenheiten sind dir eingepflanzt,
um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.

Rainer Maria Rilke

Poem


Die Bäume sind vom weichen Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig- blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.

Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muss warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.

Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten,
Weshalb?
Aus tausend Flöten
Weint Wald.

Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann …
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.

Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.



Poem (07.07.1941)

Selma Meerbaum Eisinger

Freitag, 19. September 2008

Manchmal

Manchmal wenn ich müde bin

Von den Kämpfen des Tages und der Nacht

Wenn ich die allseitigen Richtigkeiten

Nicht mehr hören kann;

Manchmal wenn ich mutlos erwache

Und an meine Grenzen stoße, wenn ich

Mich nicht mehr trösten lassen will,

manchmal wenn ich mir die Ohren

zustopfen möchte vor den Ratschlägen

die mich erwarten, wenn ich weglaufen möchte

und doch weiß: was mich quält, holt mich ein;

manchmal, wenn ich nicht mehr

frei atmen kann,

wenn die Luft wegbleibt;

manchmal erreicht mich ein Wort,

vielleicht ein Satz, ein Ton wohl auch

ein Lichtblick; Die Augen werden klarer,

die Töne wandern in mich ein,

finden einen Weg un meine Dunkelheit.

Manchmal an Tagen wie diesenm

Danke ich Dir, dass Du mir ein Wort

In den Weg legst, mir einen Menschen schickst,

dass mir frei wird ums Herz.

Jürgen Schwarz

Montag, 15. September 2008

Von Marta

Wenn alle je vier Äpfel hätten
wenn alle gesund und stark wären wie ein Roß
wenn alle gleich wehrlos wären in der Liebe
wenn jeder dasselbe hätte
dann brauchte keiner den anderen

Ich danke Dir, dass Deine Gerechtigkeit Ungleichheit ist
was ich habe und was ich nicht habe
sogar wofür es keine Abnehmer gibt
all das kann doch jemand nötig sein
es gibt die Nacht, damit es den Tag gibt
es ist dunkel, damit die Sterne leuchten
es gibt die letzte Begegnung und die erste Trennung
wir beten, weil andere nicht beten
wir glauben, weil andere nicht glauben
wir sterben für die, die nicht sterben wollen
wir lieben, weil anderen das Herz erkaltet ist
ein Brief nähert, weil ein anderer entfernt...
ungleiche brauchen einander
sie verstehen am besten, dass alle auf alle angewiesen sind
und ahnen das Ganze

Jan Twardowski

"Sei stark"

oder auf hebräisch "Chasak"


Schlaflied

Schlaf, mein Kindchen, so schlaf schon ein,
so schlaf doch und weine nicht mehr.
Sieh nur, im Schlaf ist die Welt ja dein,
so schlaf schon und wein nicht so sehr.

Schließe die Augen und schlafe schon,
hör nur, es rauschet der Wald.
Im Schlafe da gibt es nicht Haß, nicht Hohn,
im Schlafe, da ist es nicht kalt.

Schlafe, mein Liebling, und lächle, Kind,
höre, der Fluß singt sein Lied.
Schlafe, dann singt dir vom Glück der Wind
und singt dir vom Frühling, der blüht.

Schlafe mein Kind und vergiß, was dich schmerzt,
dunkel ist für dich der Tag.
Hell ist die Nacht, wenn der Traum dich herzt,
so schlafe mein Kindchen, so schlaf.

Januar 1941
Selma Meerbaum Eislinger

Chasak

Lied

Nimm hin mein Lied -
Es ist nicht froh,
Der Regen weint und weint.
Und wer ihn sieht
Weiß sowieso,
Wie es das Glück gemeint.

Es ist vorbei
Die helle Zeit,
Die Lachen uns gelehrt.
Sie ging entzwei,
Zwiespalt gedeiht -
Wenn auch die Welt sich wehrt.

Kehrt sie zurück?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht weiß es der Wind.
Er kennt das Glück,
Wenn's nicht zerbricht,
So sagt er's uns geschwind.

Doch sieh, der Wind
Verbirgt sich doch -
Er ist ja gar nicht da.
Ganz wie ein Kind,
So glaubt er noch:
Nur er weiß, was geschah.

Nimm hin mein Lied.
Vielleicht bringt es
das Lachen einst zurück.
Und wer es liest,
Der sagt: Ich seh's,
und meint damit das Glück.

30.6.1941

Selma Meerbaum Eislinger (aus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt)

Lebt, liebt und gebt nie auf!

Ihre Briefe an ihre Freundin Renée enden immer

mit

Küsse, Chasak

Samstag, 13. September 2008

Von einem guten Freund

Uralte Sehnsucht

Weißt du es noch, vor tausend Jahren...
ich war ein Rohr im Urwaldried –
du warst ein blaues Vogellied
Hoch über mir.

Ach, wärst du hier!

Die Unken sind sich längst im klaren
darüber, was mich zu dir zieht;
die Flüsterhalme offenbaren:
er sehnt sich schon seit tausend Jahren.
Wird höchste Zeit, daß was geschieht.

Jo Schulz

Montag, 8. September 2008

Tränenhalsband

TRÄNENHALSBAND



Die Tage lasten schwül und schwer, voll wildem, bangem
Weh. Es ist in mir so kalt und leer, dass ich vor Angst
vergeh'.
Die Vögel ziehn gen Mittag hin, sie sind schon lange fort.
Schon seh' ich keine Aster blühn, und auch die letzten
Falter fliehn, die Berge sind mit Herbst umflort.
Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, ich sehne mich nach dir.
Mein heißes Sehnsuchtslied erfüllt die Welt und mich
mit ihr.
Der Regen, der eintönig rauscht, begleitet meinen Sang.
Und wer dem Regenliede lauscht und wer sich an dem
Weh berauscht, der hört auch meines Liedes Klang.
Nur du allein, du hörst es nicht – ach, weiß ich denn,
warum? Und wenn mein Lied einst gell,zerbricht, du
bleibst auch kalt und stumm.
Dir macht es nichts, wenn jeder Baum mitleidig fleht: so
hör! Du gehst vorbei und siehst mich kaum, als wüßtest
du nicht meinen Traum, und 's fällt dir nicht mal
schwer.
Und doch bist du so bleich bedrückt, wie einer der
versteht, der seine Seufzer schwer erstickt und schwer
beladen geht.
Und doch ist Weh in deinem Blick, um deine Lippen Leid.
Verloren hast du wohl das Glück, es kommt wohl
nimmermehr zurück, und du – du bist „befreit“.
Nun ja, das Glück war dir zu schwer, du hast es hastig –
wild verstreut, und nun sind deine Hände leer, es füllt
sie nur noch Einsamkeit.
So stehst du da und wirfst den Kopf mit starrem Trotz
zurück, und sagst, was du ja selbst nicht glaubst – „Ich
pfeife auf das Glück!“
Und dann, wenn es schon längst vorbei, stehst du noch da
und starrst ihm nach, dann sehnst du es so heiß herbei,
es ist dir nicht mehr einerlei – dann bist du plötzlich
wach.
Zurück jedoch kommt es nie mehr – denn rufen willst du
nicht, und wäre die Leere so unendlich schwer, daß dein
Rücken darunter bricht.
So tragen wir beide dasselbe Leid, ein jeder für sich allein.
Mich krönt aus Tränen ein schweres Geschmeid' und
dich ein Sehnsuchtsedelstein.
Und der Wind singt uns beiden den ewigen Sang von
Sehnen und Verzicht, doch auch wenn es dir zum
Sterben bang – du rufst mich trotzdem nicht.

Selma Meerbaum-Eisinger
aus Ich bin in Sehnsucht eingehüllt

Montag, 1. September 2008

Für meinen Sohn

Was würde es dir helfe mein Sohn
wenn du die ganze Welt gewinnen würdest
mit deiner Liebenswürdigkeit und mit deinen Diplomen
aber doch Schaden an deiner Seele nähmst.

Ich habe Angst um dich:
nicht weil Krebs oder
Verkehrsunfälle zunehmen werden
und der Konkurrenzdruck
und die Feindseligkeit
und die Kälte
als wärst du ganz ohne Dach


Wenn du tanzt
schmilzt der Eisring um mich (und dich)
du sagst etwas in einer Sprache
die ich nicht beherrsche
hinter dir steht für mich unsichtbar
dein gelebtes Leben.
Aber wozu hat man eine Mutter
wenn sie nicht sieht
von deinem Tanz gerufen
den, der anders beschützt
als ich es konnte.

D.H. (nach Dorothee Sölle)