Donnerstag, 18. Dezember 2008
Neujahrssegen
Gott erhalte euch die Erinnerungen an die Hoch-Zeiten,
wenn ihr an Tiefpunkten seid.
Gott führe euch auf immer neuen Wegen zueinander,
wenn Gewalten des Lebens euch auseinander drängen.
Gott entzünde neue Liebe in euch wie im Frühling,
wenn sich die Gleichgültigkeit des Herbstes ausbreitet.
Gott gebe euch Phantasie,
füreinander überraschend zu bleiben
Gott zeige euch, dass niemals alle Türen verschlossen sind.
Gott gebe euch die Friedenskraft,
die nicht immer recht behalten muss
Gott schenke euch das Lachen,
dass ihr in müden Zeiten Schwung bewahrt.
Gott erhalte euch in aller Nähe der Liebe
den Abstand und die Achtung voreinander,
damit ihr euch immer ein lebendiges Geheimnis bleibt.
Gott gebe zumindest einem Teil von euch Geduld,
wenn der andere, die andere, unbesonnen handelt.
Gott erhelle euch mit der Weisheit,
das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.
Gott schenke euch die Klugheit,
den rechten Zeitpunkt für ein rechtes Wort zu erkennen.
Gott schenke euch die Kraft
und die Barmherzigkeit,
einander zu verzeihen,
wenn ihr schuldig geworden seid.
Gott hüte euch vor dem Glauben,
dass wir Menschen alles haben
und alles machen können.
Gott gebe euch die Gelassenheit
und Besonnenheit
Schwieriges zu ertragen
Er schenke euch aber vor allem stets
offene Sinne für die Zeichen des Glücks,
dass ihr die Zärtlichkeit bewahrt bis ans Ende.
Und so segne der Höchste, der Ewige
euren gemeinsames Weg, damit eins
das andere am Ende mit in den Himmel bringe.
Sonntag, 30. November 2008
Novembergedanken
Von den Kämpfen des Tages und der Nacht
Wenn ich die allseitigen Richtigkeiten
Nicht mehr hören kann;
Manchmal wenn ich mutlos erwache
Und an meine Grenzen stoße, wenn ich
Mich nicht mehr trösten lassen will,
Manchmal wenn ich mir die Ohren
zustopfen möchte vor den Ratschlägen
die mich erwarten, wenn ich weglaufen möchte
und doch weiß: was mich quält, holt mich ein;
Manchmal, wenn ich nicht mehr
frei atmen kann,
wenn die Luft wegbleibt;
manchmal erreicht mich ein Wort,
vielleicht ein Satz, ein Ton wohl auch
ein Lichtblick; Die Augen werden klarer,
die Töne wandern in mich ein,
finden einen Weg in meine Dunkelheit.
Manchmal an Tagen wie diesem
Danke ich Dir, dass Du mir ein Wort
In den Weg legst, mir einen Menschen schickst,
dass mir frei wird ums Herz.
Jürgen Schwarz
Montag, 24. November 2008
KISMET
Dieses Zimmer betrete
nicht ich.
Ich sitze nicht da am Fenster,
raschele nicht mit der Zeitung.
Wie ein Staubkorn gerate ich
nicht in den Blick dir ins Auge,
Kind. Es ist etwas.
Es ist's.
Aus dem Hut zaubert es nichts
als sich selbst, nichts als sich,
nichts.
Laß es, mein Bruder,
wozu dieser bittere Mund?
Niemand ist tot der noch lebt.
Wir können nicht sterben
auch wenn wir wollten.
Wir waren, wir sind -
jeder für sich
als Gott im eigenen Wort,
Saft im Baum des eigenen Lebens,
eilend, aufflammend darin.
Aber hier können wir wenig,
vermögen nicht einmal
die Hände zu heben.
Im Traum träume ich vom Feld
in dem unser Rennen beginnt:
du rennst zu deiner, ich zu meiner Mitte,
mit Fahnen, die wir anzünden,
rennen wir durch uns hindurch
unendlich...
Marjana Gaponenko (*1981)
Montag, 22. September 2008
Mehr denn je
Mehr denn je
Was heißt das nur, ich werde alt
Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden
Ich kann den Morgenhimmel in mir finden
Und Frühlingsstürme - mehr denn je
Was heißt das nur, ich werde alt
Was heißt das nur, wie soll man es verstehen
Ich kann wohl meine Hände altern sehen
Doch schön ist das Berühren - mehr denn je
Mein Körper ist mir Freund
Und meine Haut genießt den Wind wie eh und je
Und all das, was ein reifer Mensch nicht mehr zu fühlen hat
Das fühl ich mehr denn je
Was heißt das nur, ich werde alt
Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden
Ich kann so viel Verwirrung in mir finden
Und ungeduldig bin ich - mehr denn je
Was heißt das nur, ich werden alt
Was heißt das nur, wie soll man es verstehen
Des Lebens Spuren kann ich auf mir sehen
Doch geh ich neue Wege- mehr denn je
Mein Haar, das ist schon grau
Doch weht der Wind mir in's Gesicht wie eh und je
Und all das was ein reifer Mensch nicht mehr
Zu denken hat
Dran denk ich mehr denn je -
Was heißt das nur, ich werde alt
Was heißt das nur, wie soll ich es empfinden
Ich kann den Morgenhimmel in mir finden
Und Frühlingsstürme - mehr denn je
Erika Pluhar
Sonett Nr. 19
Nur eines möcht ich nicht: dass Du mich fliehst.
Ich will Dich hören, selbst wenn Du nur klagst.
Denn wenn Du taub wärst, bräucht ich, was Du sagst,
und wenn Du stumm wärst, bräucht ich was Du siehst.
Und wenn Du blind wärst, möcht ich Dich doch sehn.
Du bist mir beigesellt als meine Wacht:
Der lange Weg ist noch nicht halb verbracht,
bedenk das Dunkel, in dem wir noch stehn!
So gilt kein "Laß mich, denn ich bin verwundet!"
So gilt kein "Irgendwo" und nur ein "Hier".
Der Dienst wird nicht gestrichen, nur gestundet.
Du weißt es: Wer gebraucht wird, ist nicht frei.
Ich aber brauche Dich, wie's immer sei.
Ich sage ich und könnt auch sagen wir.
Samstag, 20. September 2008
Empfindest du....
leicht werden, wenn du eine Weile lebst,
wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten,
jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten, -
und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten
für eine Geste, die du schön erlebst. –
Das ist der Sinn von allem, was einst war,
dass es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere,
dass es zu unserm Wesen wiederkehre,
in uns verwoben, tief und wunderbar:
Und so geschah Unwichtiges und Schweres,
nur, um für dieses tägliche Erleben
dir tausend grosse Gleichnisse zu geben,
an denen du gewaltig wachsen kannst.
Vergangenheiten sind dir eingepflanzt,
um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.
Rainer Maria Rilke
Poem
Die Bäume sind vom weichen Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig- blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.
Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.
Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.
Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.
Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?
Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muss warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten,
Weshalb?
Aus tausend Flöten
Weint Wald.
Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann …
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.
Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond.
Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.
Poem (07.07.1941)
Selma Meerbaum Eisinger
Freitag, 19. September 2008
Manchmal
Manchmal wenn ich müde bin
Von den Kämpfen des Tages und der Nacht
Wenn ich die allseitigen Richtigkeiten
Nicht mehr hören kann;
Manchmal wenn ich mutlos erwache
Und an meine Grenzen stoße, wenn ich
Mich nicht mehr trösten lassen will,
manchmal wenn ich mir die Ohren
zustopfen möchte vor den Ratschlägen
die mich erwarten, wenn ich weglaufen möchte
und doch weiß: was mich quält, holt mich ein;
manchmal, wenn ich nicht mehr
frei atmen kann,
wenn die Luft wegbleibt;
manchmal erreicht mich ein Wort,
vielleicht ein Satz, ein Ton wohl auch
ein Lichtblick; Die Augen werden klarer,
die Töne wandern in mich ein,
finden einen Weg un meine Dunkelheit.
Manchmal an Tagen wie diesenm
Danke ich Dir, dass Du mir ein Wort
In den Weg legst, mir einen Menschen schickst,
dass mir frei wird ums Herz.
Jürgen Schwarz
Montag, 15. September 2008
Von Marta
Wenn alle je vier Äpfel hätten
wenn alle gesund und stark wären wie ein Roß
wenn alle gleich wehrlos wären in der Liebe
wenn jeder dasselbe hätte
dann brauchte keiner den anderen
Ich danke Dir, dass Deine Gerechtigkeit Ungleichheit ist
was ich habe und was ich nicht habe
sogar wofür es keine Abnehmer gibt
all das kann doch jemand nötig sein
es gibt die Nacht, damit es den Tag gibt
es ist dunkel, damit die Sterne leuchten
es gibt die letzte Begegnung und die erste Trennung
wir beten, weil andere nicht beten
wir glauben, weil andere nicht glauben
wir sterben für die, die nicht sterben wollen
wir lieben, weil anderen das Herz erkaltet ist
ein Brief nähert, weil ein anderer entfernt...
ungleiche brauchen einander
sie verstehen am besten, dass alle auf alle angewiesen sind
und ahnen das Ganze
Jan Twardowski
"Sei stark"
Schlaflied
Schlaf, mein Kindchen, so schlaf schon ein,
so schlaf doch und weine nicht mehr.
Sieh nur, im Schlaf ist die Welt ja dein,
so schlaf schon und wein nicht so sehr.
Schließe die Augen und schlafe schon,
hör nur, es rauschet der Wald.
Im Schlafe da gibt es nicht Haß, nicht Hohn,
im Schlafe, da ist es nicht kalt.
Schlafe, mein Liebling, und lächle, Kind,
höre, der Fluß singt sein Lied.
Schlafe, dann singt dir vom Glück der Wind
und singt dir vom Frühling, der blüht.
Schlafe mein Kind und vergiß, was dich schmerzt,
dunkel ist für dich der Tag.
Hell ist die Nacht, wenn der Traum dich herzt,
so schlafe mein Kindchen, so schlaf.
Januar 1941
Selma Meerbaum Eislinger
Chasak
Lied
Nimm hin mein Lied -
Es ist nicht froh,
Der Regen weint und weint.
Und wer ihn sieht
Weiß sowieso,
Wie es das Glück gemeint.
Es ist vorbei
Die helle Zeit,
Die Lachen uns gelehrt.
Sie ging entzwei,
Zwiespalt gedeiht -
Wenn auch die Welt sich wehrt.
Kehrt sie zurück?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht weiß es der Wind.
Er kennt das Glück,
Wenn's nicht zerbricht,
So sagt er's uns geschwind.
Doch sieh, der Wind
Verbirgt sich doch -
Er ist ja gar nicht da.
Ganz wie ein Kind,
So glaubt er noch:
Nur er weiß, was geschah.
Nimm hin mein Lied.
Vielleicht bringt es
das Lachen einst zurück.
Und wer es liest,
Der sagt: Ich seh's,
und meint damit das Glück.
30.6.1941
Selma Meerbaum Eislinger (aus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt)
Lebt, liebt und gebt nie auf!
Ihre Briefe an ihre Freundin Renée enden immer
mit
Küsse, Chasak
Samstag, 13. September 2008
Von einem guten Freund
Weißt du es noch, vor tausend Jahren...
ich war ein Rohr im Urwaldried –
du warst ein blaues Vogellied
Hoch über mir.
Ach, wärst du hier!
Die Unken sind sich längst im klaren
darüber, was mich zu dir zieht;
die Flüsterhalme offenbaren:
er sehnt sich schon seit tausend Jahren.
Wird höchste Zeit, daß was geschieht.
Jo Schulz
Montag, 8. September 2008
Tränenhalsband
Die Tage lasten schwül und schwer, voll wildem, bangem
Weh. Es ist in mir so kalt und leer, dass ich vor Angst
vergeh'.
Die Vögel ziehn gen Mittag hin, sie sind schon lange fort.
Schon seh' ich keine Aster blühn, und auch die letzten
Falter fliehn, die Berge sind mit Herbst umflort.
Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, ich sehne mich nach dir.
Mein heißes Sehnsuchtslied erfüllt die Welt und mich
mit ihr.
Der Regen, der eintönig rauscht, begleitet meinen Sang.
Und wer dem Regenliede lauscht und wer sich an dem
Weh berauscht, der hört auch meines Liedes Klang.
Nur du allein, du hörst es nicht – ach, weiß ich denn,
warum? Und wenn mein Lied einst gell,zerbricht, du
bleibst auch kalt und stumm.
Dir macht es nichts, wenn jeder Baum mitleidig fleht: so
hör! Du gehst vorbei und siehst mich kaum, als wüßtest
du nicht meinen Traum, und 's fällt dir nicht mal
schwer.
Und doch bist du so bleich bedrückt, wie einer der
versteht, der seine Seufzer schwer erstickt und schwer
beladen geht.
Und doch ist Weh in deinem Blick, um deine Lippen Leid.
Verloren hast du wohl das Glück, es kommt wohl
nimmermehr zurück, und du – du bist „befreit“.
Nun ja, das Glück war dir zu schwer, du hast es hastig –
wild verstreut, und nun sind deine Hände leer, es füllt
sie nur noch Einsamkeit.
So stehst du da und wirfst den Kopf mit starrem Trotz
zurück, und sagst, was du ja selbst nicht glaubst – „Ich
pfeife auf das Glück!“
Und dann, wenn es schon längst vorbei, stehst du noch da
und starrst ihm nach, dann sehnst du es so heiß herbei,
es ist dir nicht mehr einerlei – dann bist du plötzlich
wach.
Zurück jedoch kommt es nie mehr – denn rufen willst du
nicht, und wäre die Leere so unendlich schwer, daß dein
Rücken darunter bricht.
So tragen wir beide dasselbe Leid, ein jeder für sich allein.
Mich krönt aus Tränen ein schweres Geschmeid' und
dich ein Sehnsuchtsedelstein.
Und der Wind singt uns beiden den ewigen Sang von
Sehnen und Verzicht, doch auch wenn es dir zum
Sterben bang – du rufst mich trotzdem nicht.
Selma Meerbaum-Eisinger
aus Ich bin in Sehnsucht eingehüllt
Montag, 1. September 2008
Für meinen Sohn
wenn du die ganze Welt gewinnen würdest
mit deiner Liebenswürdigkeit und mit deinen Diplomen
aber doch Schaden an deiner Seele nähmst.
Ich habe Angst um dich:
nicht weil Krebs oder
Verkehrsunfälle zunehmen werden
und der Konkurrenzdruck
und die Feindseligkeit
und die Kälte
als wärst du ganz ohne Dach
Wenn du tanzt
schmilzt der Eisring um mich (und dich)
du sagst etwas in einer Sprache
die ich nicht beherrsche
hinter dir steht für mich unsichtbar
dein gelebtes Leben.
Aber wozu hat man eine Mutter
wenn sie nicht sieht
von deinem Tanz gerufen
den, der anders beschützt
als ich es konnte.
D.H. (nach Dorothee Sölle)
Freitag, 29. August 2008
Gezeiten
die Gegenwart, die grad entwich,
um festzuhalten ewiglich,
was nun entschwindet....
Hinein in die Welt, die geschah,
verbirgt scheinbar, was einmal war
- so offenbar.
Gebannt auf Film - nur der Moment,
ein Stück der Zeit, das mich so drängt.
Mit dunklen Schatten sanft bedeckt,
in mir versteckt als Augenblick
den ich durchlebt', der mich entzückt,
..............doch auch begräbt.
(Stephan A.Rickauer)
Mittwoch, 2. April 2008
Zufriedenheit
Es kamen einmal ein paar Suchende zu einem alten Zenmeister.
"Herr", fragten sie "was tust du, um glücklich und zufrieden zu sein?
Wir wären auch gerne so glücklich wie du."
Der Alte antwortete mit mildem Lächeln:
"Wenn ich liege, dann liege ich.
Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf.
Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich."
Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde.
Einer platzte heraus: "Bitte, treibe keinen Spott mit uns.
Was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen.
Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also dein Geheimnis?"
Es kam die gleiche Antwort:
"Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf.
Wenn ich gehe, dann gehe ist und wenn ich esse, dann esse ich."
Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend fügte der Meister nach einer Weile hinzu:
"Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr esst.
Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen.
Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr wohin Ihr geht
und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet.
So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid.
In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt.
Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein
und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein."
(Quelle aus dem Buddismus)
Mittwoch, 19. März 2008
Maßeinheiten
und einen Himmel in der wilden Blume.
Greif das Unendliche mit deiner Hand
und fühle Ewigkeit in einer Stunde.
William Blake
Zum Einschlafen zu sagen
Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüsste: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.
Rainer Maria Rilke
Montag, 28. Januar 2008
Alles hat seine Zeit
Alles hat seine Zeit
Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.
Quelle: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luther in der revidierten Fassung von 1984.