Montag, 8. September 2008

Tränenhalsband

TRÄNENHALSBAND



Die Tage lasten schwül und schwer, voll wildem, bangem
Weh. Es ist in mir so kalt und leer, dass ich vor Angst
vergeh'.
Die Vögel ziehn gen Mittag hin, sie sind schon lange fort.
Schon seh' ich keine Aster blühn, und auch die letzten
Falter fliehn, die Berge sind mit Herbst umflort.
Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, ich sehne mich nach dir.
Mein heißes Sehnsuchtslied erfüllt die Welt und mich
mit ihr.
Der Regen, der eintönig rauscht, begleitet meinen Sang.
Und wer dem Regenliede lauscht und wer sich an dem
Weh berauscht, der hört auch meines Liedes Klang.
Nur du allein, du hörst es nicht – ach, weiß ich denn,
warum? Und wenn mein Lied einst gell,zerbricht, du
bleibst auch kalt und stumm.
Dir macht es nichts, wenn jeder Baum mitleidig fleht: so
hör! Du gehst vorbei und siehst mich kaum, als wüßtest
du nicht meinen Traum, und 's fällt dir nicht mal
schwer.
Und doch bist du so bleich bedrückt, wie einer der
versteht, der seine Seufzer schwer erstickt und schwer
beladen geht.
Und doch ist Weh in deinem Blick, um deine Lippen Leid.
Verloren hast du wohl das Glück, es kommt wohl
nimmermehr zurück, und du – du bist „befreit“.
Nun ja, das Glück war dir zu schwer, du hast es hastig –
wild verstreut, und nun sind deine Hände leer, es füllt
sie nur noch Einsamkeit.
So stehst du da und wirfst den Kopf mit starrem Trotz
zurück, und sagst, was du ja selbst nicht glaubst – „Ich
pfeife auf das Glück!“
Und dann, wenn es schon längst vorbei, stehst du noch da
und starrst ihm nach, dann sehnst du es so heiß herbei,
es ist dir nicht mehr einerlei – dann bist du plötzlich
wach.
Zurück jedoch kommt es nie mehr – denn rufen willst du
nicht, und wäre die Leere so unendlich schwer, daß dein
Rücken darunter bricht.
So tragen wir beide dasselbe Leid, ein jeder für sich allein.
Mich krönt aus Tränen ein schweres Geschmeid' und
dich ein Sehnsuchtsedelstein.
Und der Wind singt uns beiden den ewigen Sang von
Sehnen und Verzicht, doch auch wenn es dir zum
Sterben bang – du rufst mich trotzdem nicht.

Selma Meerbaum-Eisinger
aus Ich bin in Sehnsucht eingehüllt

Montag, 1. September 2008

Für meinen Sohn

Was würde es dir helfe mein Sohn
wenn du die ganze Welt gewinnen würdest
mit deiner Liebenswürdigkeit und mit deinen Diplomen
aber doch Schaden an deiner Seele nähmst.

Ich habe Angst um dich:
nicht weil Krebs oder
Verkehrsunfälle zunehmen werden
und der Konkurrenzdruck
und die Feindseligkeit
und die Kälte
als wärst du ganz ohne Dach


Wenn du tanzt
schmilzt der Eisring um mich (und dich)
du sagst etwas in einer Sprache
die ich nicht beherrsche
hinter dir steht für mich unsichtbar
dein gelebtes Leben.
Aber wozu hat man eine Mutter
wenn sie nicht sieht
von deinem Tanz gerufen
den, der anders beschützt
als ich es konnte.

D.H. (nach Dorothee Sölle)



Freitag, 29. August 2008

Gezeiten

Zerreißt, durchzuckt in hellem Licht,
die Gegenwart, die grad entwich,
um festzuhalten ewiglich,
was nun entschwindet....

Hinein in die Welt, die geschah,
verbirgt scheinbar, was einmal war
- so offenbar.

Gebannt auf Film - nur der Moment,
ein Stück der Zeit, das mich so drängt.

Mit dunklen Schatten sanft bedeckt,
in mir versteckt als Augenblick
den ich durchlebt', der mich entzückt,
..............doch auch begräbt.

(Stephan A.Rickauer)

Mittwoch, 2. April 2008

Zufriedenheit

Das Geheimnis der Zufriedenheit

Es kamen einmal ein paar Suchende zu einem alten Zenmeister.

"Herr", fragten sie "was tust du, um glücklich und zufrieden zu sein?
Wir wären auch gerne so glücklich wie du."

Der Alte antwortete mit mildem Lächeln:
"Wenn ich liege, dann liege ich.
Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf.
Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich."

Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde.
Einer platzte heraus: "Bitte, treibe keinen Spott mit uns.
Was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen.
Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also dein Geheimnis?"

Es kam die gleiche Antwort:
"Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf.
Wenn ich gehe, dann gehe ist und wenn ich esse, dann esse ich."

Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend fügte der Meister nach einer Weile hinzu:

"Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr esst.
Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen.
Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr wohin Ihr geht
und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet.

So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid.
In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt.
Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein
und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein."

(Quelle aus dem Buddismus)

Mittwoch, 19. März 2008

Maßeinheiten

Sieh eine Welt in einem Körnchen Sand
und einen Himmel in der wilden Blume.

Greif das Unendliche mit deiner Hand
und fühle Ewigkeit in einer Stunde.

William Blake

Zum Einschlafen zu sagen


Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüsste: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.


Rainer Maria Rilke

Montag, 28. Januar 2008

Alles hat seine Zeit

Prediger Salomo 3, 1-8

Alles hat seine Zeit


Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.



Quelle: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luther in der revidierten Fassung von 1984.