Freitag, 19. September 2008

Manchmal

Manchmal wenn ich müde bin

Von den Kämpfen des Tages und der Nacht

Wenn ich die allseitigen Richtigkeiten

Nicht mehr hören kann;

Manchmal wenn ich mutlos erwache

Und an meine Grenzen stoße, wenn ich

Mich nicht mehr trösten lassen will,

manchmal wenn ich mir die Ohren

zustopfen möchte vor den Ratschlägen

die mich erwarten, wenn ich weglaufen möchte

und doch weiß: was mich quält, holt mich ein;

manchmal, wenn ich nicht mehr

frei atmen kann,

wenn die Luft wegbleibt;

manchmal erreicht mich ein Wort,

vielleicht ein Satz, ein Ton wohl auch

ein Lichtblick; Die Augen werden klarer,

die Töne wandern in mich ein,

finden einen Weg un meine Dunkelheit.

Manchmal an Tagen wie diesenm

Danke ich Dir, dass Du mir ein Wort

In den Weg legst, mir einen Menschen schickst,

dass mir frei wird ums Herz.

Jürgen Schwarz

Montag, 15. September 2008

Von Marta

Wenn alle je vier Äpfel hätten
wenn alle gesund und stark wären wie ein Roß
wenn alle gleich wehrlos wären in der Liebe
wenn jeder dasselbe hätte
dann brauchte keiner den anderen

Ich danke Dir, dass Deine Gerechtigkeit Ungleichheit ist
was ich habe und was ich nicht habe
sogar wofür es keine Abnehmer gibt
all das kann doch jemand nötig sein
es gibt die Nacht, damit es den Tag gibt
es ist dunkel, damit die Sterne leuchten
es gibt die letzte Begegnung und die erste Trennung
wir beten, weil andere nicht beten
wir glauben, weil andere nicht glauben
wir sterben für die, die nicht sterben wollen
wir lieben, weil anderen das Herz erkaltet ist
ein Brief nähert, weil ein anderer entfernt...
ungleiche brauchen einander
sie verstehen am besten, dass alle auf alle angewiesen sind
und ahnen das Ganze

Jan Twardowski

"Sei stark"

oder auf hebräisch "Chasak"


Schlaflied

Schlaf, mein Kindchen, so schlaf schon ein,
so schlaf doch und weine nicht mehr.
Sieh nur, im Schlaf ist die Welt ja dein,
so schlaf schon und wein nicht so sehr.

Schließe die Augen und schlafe schon,
hör nur, es rauschet der Wald.
Im Schlafe da gibt es nicht Haß, nicht Hohn,
im Schlafe, da ist es nicht kalt.

Schlafe, mein Liebling, und lächle, Kind,
höre, der Fluß singt sein Lied.
Schlafe, dann singt dir vom Glück der Wind
und singt dir vom Frühling, der blüht.

Schlafe mein Kind und vergiß, was dich schmerzt,
dunkel ist für dich der Tag.
Hell ist die Nacht, wenn der Traum dich herzt,
so schlafe mein Kindchen, so schlaf.

Januar 1941
Selma Meerbaum Eislinger

Chasak

Lied

Nimm hin mein Lied -
Es ist nicht froh,
Der Regen weint und weint.
Und wer ihn sieht
Weiß sowieso,
Wie es das Glück gemeint.

Es ist vorbei
Die helle Zeit,
Die Lachen uns gelehrt.
Sie ging entzwei,
Zwiespalt gedeiht -
Wenn auch die Welt sich wehrt.

Kehrt sie zurück?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht weiß es der Wind.
Er kennt das Glück,
Wenn's nicht zerbricht,
So sagt er's uns geschwind.

Doch sieh, der Wind
Verbirgt sich doch -
Er ist ja gar nicht da.
Ganz wie ein Kind,
So glaubt er noch:
Nur er weiß, was geschah.

Nimm hin mein Lied.
Vielleicht bringt es
das Lachen einst zurück.
Und wer es liest,
Der sagt: Ich seh's,
und meint damit das Glück.

30.6.1941

Selma Meerbaum Eislinger (aus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt)

Lebt, liebt und gebt nie auf!

Ihre Briefe an ihre Freundin Renée enden immer

mit

Küsse, Chasak

Samstag, 13. September 2008

Von einem guten Freund

Uralte Sehnsucht

Weißt du es noch, vor tausend Jahren...
ich war ein Rohr im Urwaldried –
du warst ein blaues Vogellied
Hoch über mir.

Ach, wärst du hier!

Die Unken sind sich längst im klaren
darüber, was mich zu dir zieht;
die Flüsterhalme offenbaren:
er sehnt sich schon seit tausend Jahren.
Wird höchste Zeit, daß was geschieht.

Jo Schulz

Montag, 8. September 2008

Tränenhalsband

TRÄNENHALSBAND



Die Tage lasten schwül und schwer, voll wildem, bangem
Weh. Es ist in mir so kalt und leer, dass ich vor Angst
vergeh'.
Die Vögel ziehn gen Mittag hin, sie sind schon lange fort.
Schon seh' ich keine Aster blühn, und auch die letzten
Falter fliehn, die Berge sind mit Herbst umflort.
Ich bin in Sehnsucht eingehüllt, ich sehne mich nach dir.
Mein heißes Sehnsuchtslied erfüllt die Welt und mich
mit ihr.
Der Regen, der eintönig rauscht, begleitet meinen Sang.
Und wer dem Regenliede lauscht und wer sich an dem
Weh berauscht, der hört auch meines Liedes Klang.
Nur du allein, du hörst es nicht – ach, weiß ich denn,
warum? Und wenn mein Lied einst gell,zerbricht, du
bleibst auch kalt und stumm.
Dir macht es nichts, wenn jeder Baum mitleidig fleht: so
hör! Du gehst vorbei und siehst mich kaum, als wüßtest
du nicht meinen Traum, und 's fällt dir nicht mal
schwer.
Und doch bist du so bleich bedrückt, wie einer der
versteht, der seine Seufzer schwer erstickt und schwer
beladen geht.
Und doch ist Weh in deinem Blick, um deine Lippen Leid.
Verloren hast du wohl das Glück, es kommt wohl
nimmermehr zurück, und du – du bist „befreit“.
Nun ja, das Glück war dir zu schwer, du hast es hastig –
wild verstreut, und nun sind deine Hände leer, es füllt
sie nur noch Einsamkeit.
So stehst du da und wirfst den Kopf mit starrem Trotz
zurück, und sagst, was du ja selbst nicht glaubst – „Ich
pfeife auf das Glück!“
Und dann, wenn es schon längst vorbei, stehst du noch da
und starrst ihm nach, dann sehnst du es so heiß herbei,
es ist dir nicht mehr einerlei – dann bist du plötzlich
wach.
Zurück jedoch kommt es nie mehr – denn rufen willst du
nicht, und wäre die Leere so unendlich schwer, daß dein
Rücken darunter bricht.
So tragen wir beide dasselbe Leid, ein jeder für sich allein.
Mich krönt aus Tränen ein schweres Geschmeid' und
dich ein Sehnsuchtsedelstein.
Und der Wind singt uns beiden den ewigen Sang von
Sehnen und Verzicht, doch auch wenn es dir zum
Sterben bang – du rufst mich trotzdem nicht.

Selma Meerbaum-Eisinger
aus Ich bin in Sehnsucht eingehüllt

Montag, 1. September 2008

Für meinen Sohn

Was würde es dir helfe mein Sohn
wenn du die ganze Welt gewinnen würdest
mit deiner Liebenswürdigkeit und mit deinen Diplomen
aber doch Schaden an deiner Seele nähmst.

Ich habe Angst um dich:
nicht weil Krebs oder
Verkehrsunfälle zunehmen werden
und der Konkurrenzdruck
und die Feindseligkeit
und die Kälte
als wärst du ganz ohne Dach


Wenn du tanzt
schmilzt der Eisring um mich (und dich)
du sagst etwas in einer Sprache
die ich nicht beherrsche
hinter dir steht für mich unsichtbar
dein gelebtes Leben.
Aber wozu hat man eine Mutter
wenn sie nicht sieht
von deinem Tanz gerufen
den, der anders beschützt
als ich es konnte.

D.H. (nach Dorothee Sölle)